** SPOILER ** The Rise of Skywalker ** SPOILER **
Verfasst: Fr 20. Dez 2019, 17:08
Zeit, den Film noch mal gründlich zu überdenken, ehe er aus meinem Gedächtnis schwindet. Achtung SPOILER.
Viele SPOILER.
...
Wer den Film noch nicht gesehen hat, möge diesen Thread JETZT verlassen...
...
Okay. Ich stehe TROS ziemlich zwiespältig gegenüber. Auf der einen Seite gibt es in diesem Film gute Momente, ziemlich viel Bombast, Fanservice en masse, und sogar Charakterentwicklung. Abrams hat sich große Mühe gegeben, TLJ zu negieren, soweit das ohne Bobby-Ewing-unter-der-Dusche-Momente ging. Filmisch gibt es da wenig zu meckern, und hier und da gibt es sogar emotionale Augenblicke. Dafür schon mal ein dickes Plus.
Auf der anderen Seite gibt es leider auch viele Kritikpunkte, die unmöglich zu ignorieren sind. Handlungslöcher und lokal-strukturelle Probleme (auf TROS beschränkt) ließen sich noch verzeihen, aber als Teil eines ganzen Universums leistet sich TROS ein paar dicke Dinger, die man eher in einer schlechten Fanfic verorten möchte als in einem offiziellen Sequel-Film.
Beim fettesten Brummer angefangen:
TROS negiert den kompletten Handlungsbogen von Episode 1-6.
Ich brauche die Lucas-Episoden wohl nicht ausführlich zu besprechen. Episode 1-6 ist die Geschichte von Aufstieg, Fall und Erlösung von Anakin "Ani" Skywalker durch seinen Sohn. Anakin ist der Erwählte; Anakin rettet die Galaxis vor den Sith, indem er den Imperator tötet, und bringt die Macht ins Gleichgewicht, nachdem (mit seinem eigenen Tod) keine Sith mehr übrig sind.
Die Geschichte endet da (mit ROTJ). Egal was für Gerüchte über Episode 7-9 aus Lucas' Hand kursieren, die ursprünglich geplante Handlung war in Ep6 abgeschlossen. (Spätere Entwürfe für Sequel-Episoden über mysteriöse mikroskopische Wesen, die mit den Jedi über die Midichlorianer kommunizieren, können wir mal ad acta legen.)
TROS erweckt den Imperator zu neuem Leben und macht damit alles zunichte, was Anakin und Luke erreicht haben. Schon Snoke und Kylo Ren in TFA haben das Konzept arg gedehnt - immerhin waren sie keine Sith; dennoch, das schnelle Wiedererstarken der Dunklen Seite stellte schon da den "Sieg über das Böse" in Ep1-6 in Frage. Das hätte man noch konzeptuell retten können, aber das hätte eine Erweiterung der Mythologie der Macht bedurft, und an solchen Worldbuilding-Details ist Disney offensichtlich nicht interessiert.
Aber der Imperator persönlich? Zombie oder nicht, seine Präsenz bedeutet, daß die Sith nicht vernichtet wurden. Daß die Feier auf Endor verfrüht war. Daß alle Anstrengungen in den unsichtbaren Jahren zwischen ROTJ und TFA für die Katz sind. Daß das Böse weiterhin existiert und im Hintergrund die Fäden zieht. Anakin stirbt... wofür?
(Die Machtgeister am Ende von ROTJ sind auch offenbar völlig unfähig, Palpatines "Weiterleben" zu erkennen und Luke zu warnen...)
Auf der einen Seite ist Palpatines filmische Präsenz in TROS beeindruckend, auch wenn er auf das gackernde, keifende Böse reduziert ist. Snoke-Klone im Glasbehälter, sehr schön.
Auf der anderen Seite zeigt Abrams den Lucas-Episoden den Mittelfinger durch die Wiederauferstehung der Sith. Warum auch eine abgeschlossene Hexalogie in Ruhe lassen, wenn man doch dringend den nächsten Bösewicht braucht.
(Als wenn das nicht genügen würde, stellt TROS auch die ersten beiden ST-Filme in Frage. Soso, Palps hat tausend Sternzerstörer mit Planetenkiller-Waffen? Aber die Erste Ordnung, die er heimlich über Snoke kontrolliert, muß einen ganzen Planeten in eine andere Superwaffe konvertieren? Und selbst nach TLJ kommt Palpatine nicht aus seinem Versteck und unterstützt die Erste Ordnung? Ich habe Fragen.)
Und der Endkampf der Skywalker-Saga ist dann: "Sheev" Palpatine vs. Rey Palpatine. The Chosen One? Ach, diese alten Geschichten...
Die Macht kann alles. Wenn der Regisseur es denn will.
Oh, das sind jetzt eigentlich zwei Issues.
Erstens. Im Nachfeld von TFA wurde bereits gründlich über Mary Sue Rey gemeckert. Nach TLJ ging es im Wesentlichen nicht anders. Rey hat nie trainiert (nein, die Zeit auf Ahch-To kann man nicht ernsthaft als Training bezeichnen - Luke hat ihr kaum etwas beigebracht) und trotzdem schwupps Machtsuperkräfte erlangt. Mit TROS kann man das vielleicht wegerklären, immerhin ist Rey eine waschechte Palpatine, und offenbar sind Machtkräfte (Midichlorianer?) doch vererbbar. (Das kann man aber Lucas ebensogut in die Schuhe schieben, siehe Luke und Leia.) Gleichzeitig sorgt TROS aber auch dafür, daß Rey noch mehr Superkräfte erhält. Ein Schiff aus dem Himmel zu ziehen - das gab's zuletzt in The Force Unleashed. Hmmm.
Das Gute an der Szene ist, daß die Zerstörung, die Reys unkontrollierte Kraft auslöst, in ihr wenigstens einen Konflikt zutage bringt, das ist schon ein charakterlicher Fortschritt.
Ob wir aber noch glauben können, daß Rey jemals in Gefahr ist... Sie kann fliegen (und gleichzeitig Steine levitieren), das wird früh im Film etabliert. Im DSII klettert sie aber noch althergebracht herum, wieso eigentlich? Und ihre Kräfte setzt sie auch nicht besonders effektiv ein, als sie von FO-Trupplern verfolgt wird. Das ist das Problem mit Superkräften; hat man sie erst einmal eingeführt, ist es schwer, sie wieder wegzuerklären, zu bremsen, zu mindern, oder sonst irgendwie eine Bedrohung für den Helden aufzubauen. Diese Issue kennt man schon aus dem ganzen Superheldengenre, dem sich Star Wars leider bedenklich angenähert hat.
Da wären wir schon bei Zweitens. Heilungskräfte, irgendwie an zwei Orten gleichzeitig sein und Sachen zu "teleportieren", Supermachtblitze gegen eine ganze Flotte einsetzen, Tote zum Leben erwecken, selbst dem Tod in einem Todesstern-Reaktor ein Schnippchen zu schlagen (auf völlig unerklärte Weise); all das ist jetzt möglich.
(Zugegeben, es war TLJ, wo die zwei "verbundenen" Orte eingeführt wurden, und ja, es ist eine coole Idee und macht visuell einiges her.)
Die Macht kann alles. Die Macht ist jetzt essentiell unbeschränkte Magie, und alle erzählerischen Probleme, die unbeschränkte Magie mit sich bringt, existieren jetzt im Star Wars-Universum. Vorbei die Zeit, wo Jedi zu sein bedeutete, daß man die im Geiste Schwachen manipulieren kann (außer Hutten und Toydarianern und... was auch immer grad benötigt wird...), Sachen (mühsam) telekinetisch bewegen, und das Lichtschwert toll schwingen kann - jetzt kann ein Jedi alles. Alles. Jedi sind Superman.
Selbst ein toter Jedi ist noch machtvoll. Yoda kann Blitze aus dem Himmel ziehen. Luke kann physikalische Objekte anfassen und X-Wings levitieren. (Schöner Callback auf TESB.) Obi-Wan seinerzeit konnte grad mal apparieren und reden, egal wie großspurig er noch gegenüber Vader behauptet hatte, wie mächtig er mit seinem Tod werden würde... na, jetzt können wir es uns vorstellen.
Es wäre weise gewesen, wenn die ST sich da etwas zurückgehalten hätte. Disneys großer "Kill" des alten EUs hätte die Chance geboten, im Hinblick eines andauernden Franchises Grenzen zu setzen und Regeln aufzustellen, aber nein, man hat das Gegenteil getan. Jetzt wird sich nicht nur bei zukünftigen Filmen die Frage stellen "wieso kann der Jedi nicht..., das war doch in TROS...", sondern dasselbe muß man sich auch über PT-Jedi fragen - oder müssen wir wirklich hinnehmen, daß Rey nach 25000 Jahren Jeditum ganz für sich ausbaldowert hat, wie man die Macht zur Supermacht mutiert?
Die ganz große Ironie kommt dann, wenn "das Holdo-Manöver" aus TLJ in TROS selbst als "once in a lifetime" bezeichnet wird. Mit anderen Worten, man ist sich der Problematik eigentlich bewußt? Oder hat man nur dem Fan-Backlash nachgegeben, ohne zu durchschauen, was die wirkliche Issue ist?
(Fortsetzung folgt)
Viele SPOILER.
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Wer den Film noch nicht gesehen hat, möge diesen Thread JETZT verlassen...
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Okay. Ich stehe TROS ziemlich zwiespältig gegenüber. Auf der einen Seite gibt es in diesem Film gute Momente, ziemlich viel Bombast, Fanservice en masse, und sogar Charakterentwicklung. Abrams hat sich große Mühe gegeben, TLJ zu negieren, soweit das ohne Bobby-Ewing-unter-der-Dusche-Momente ging. Filmisch gibt es da wenig zu meckern, und hier und da gibt es sogar emotionale Augenblicke. Dafür schon mal ein dickes Plus.
Auf der anderen Seite gibt es leider auch viele Kritikpunkte, die unmöglich zu ignorieren sind. Handlungslöcher und lokal-strukturelle Probleme (auf TROS beschränkt) ließen sich noch verzeihen, aber als Teil eines ganzen Universums leistet sich TROS ein paar dicke Dinger, die man eher in einer schlechten Fanfic verorten möchte als in einem offiziellen Sequel-Film.
Beim fettesten Brummer angefangen:
TROS negiert den kompletten Handlungsbogen von Episode 1-6.
Ich brauche die Lucas-Episoden wohl nicht ausführlich zu besprechen. Episode 1-6 ist die Geschichte von Aufstieg, Fall und Erlösung von Anakin "Ani" Skywalker durch seinen Sohn. Anakin ist der Erwählte; Anakin rettet die Galaxis vor den Sith, indem er den Imperator tötet, und bringt die Macht ins Gleichgewicht, nachdem (mit seinem eigenen Tod) keine Sith mehr übrig sind.
Die Geschichte endet da (mit ROTJ). Egal was für Gerüchte über Episode 7-9 aus Lucas' Hand kursieren, die ursprünglich geplante Handlung war in Ep6 abgeschlossen. (Spätere Entwürfe für Sequel-Episoden über mysteriöse mikroskopische Wesen, die mit den Jedi über die Midichlorianer kommunizieren, können wir mal ad acta legen.)
TROS erweckt den Imperator zu neuem Leben und macht damit alles zunichte, was Anakin und Luke erreicht haben. Schon Snoke und Kylo Ren in TFA haben das Konzept arg gedehnt - immerhin waren sie keine Sith; dennoch, das schnelle Wiedererstarken der Dunklen Seite stellte schon da den "Sieg über das Böse" in Ep1-6 in Frage. Das hätte man noch konzeptuell retten können, aber das hätte eine Erweiterung der Mythologie der Macht bedurft, und an solchen Worldbuilding-Details ist Disney offensichtlich nicht interessiert.
Aber der Imperator persönlich? Zombie oder nicht, seine Präsenz bedeutet, daß die Sith nicht vernichtet wurden. Daß die Feier auf Endor verfrüht war. Daß alle Anstrengungen in den unsichtbaren Jahren zwischen ROTJ und TFA für die Katz sind. Daß das Böse weiterhin existiert und im Hintergrund die Fäden zieht. Anakin stirbt... wofür?
(Die Machtgeister am Ende von ROTJ sind auch offenbar völlig unfähig, Palpatines "Weiterleben" zu erkennen und Luke zu warnen...)
Auf der einen Seite ist Palpatines filmische Präsenz in TROS beeindruckend, auch wenn er auf das gackernde, keifende Böse reduziert ist. Snoke-Klone im Glasbehälter, sehr schön.
Auf der anderen Seite zeigt Abrams den Lucas-Episoden den Mittelfinger durch die Wiederauferstehung der Sith. Warum auch eine abgeschlossene Hexalogie in Ruhe lassen, wenn man doch dringend den nächsten Bösewicht braucht.
(Als wenn das nicht genügen würde, stellt TROS auch die ersten beiden ST-Filme in Frage. Soso, Palps hat tausend Sternzerstörer mit Planetenkiller-Waffen? Aber die Erste Ordnung, die er heimlich über Snoke kontrolliert, muß einen ganzen Planeten in eine andere Superwaffe konvertieren? Und selbst nach TLJ kommt Palpatine nicht aus seinem Versteck und unterstützt die Erste Ordnung? Ich habe Fragen.)
Und der Endkampf der Skywalker-Saga ist dann: "Sheev" Palpatine vs. Rey Palpatine. The Chosen One? Ach, diese alten Geschichten...
Die Macht kann alles. Wenn der Regisseur es denn will.
Oh, das sind jetzt eigentlich zwei Issues.
Erstens. Im Nachfeld von TFA wurde bereits gründlich über Mary Sue Rey gemeckert. Nach TLJ ging es im Wesentlichen nicht anders. Rey hat nie trainiert (nein, die Zeit auf Ahch-To kann man nicht ernsthaft als Training bezeichnen - Luke hat ihr kaum etwas beigebracht) und trotzdem schwupps Machtsuperkräfte erlangt. Mit TROS kann man das vielleicht wegerklären, immerhin ist Rey eine waschechte Palpatine, und offenbar sind Machtkräfte (Midichlorianer?) doch vererbbar. (Das kann man aber Lucas ebensogut in die Schuhe schieben, siehe Luke und Leia.) Gleichzeitig sorgt TROS aber auch dafür, daß Rey noch mehr Superkräfte erhält. Ein Schiff aus dem Himmel zu ziehen - das gab's zuletzt in The Force Unleashed. Hmmm.
Das Gute an der Szene ist, daß die Zerstörung, die Reys unkontrollierte Kraft auslöst, in ihr wenigstens einen Konflikt zutage bringt, das ist schon ein charakterlicher Fortschritt.
Ob wir aber noch glauben können, daß Rey jemals in Gefahr ist... Sie kann fliegen (und gleichzeitig Steine levitieren), das wird früh im Film etabliert. Im DSII klettert sie aber noch althergebracht herum, wieso eigentlich? Und ihre Kräfte setzt sie auch nicht besonders effektiv ein, als sie von FO-Trupplern verfolgt wird. Das ist das Problem mit Superkräften; hat man sie erst einmal eingeführt, ist es schwer, sie wieder wegzuerklären, zu bremsen, zu mindern, oder sonst irgendwie eine Bedrohung für den Helden aufzubauen. Diese Issue kennt man schon aus dem ganzen Superheldengenre, dem sich Star Wars leider bedenklich angenähert hat.
Da wären wir schon bei Zweitens. Heilungskräfte, irgendwie an zwei Orten gleichzeitig sein und Sachen zu "teleportieren", Supermachtblitze gegen eine ganze Flotte einsetzen, Tote zum Leben erwecken, selbst dem Tod in einem Todesstern-Reaktor ein Schnippchen zu schlagen (auf völlig unerklärte Weise); all das ist jetzt möglich.
(Zugegeben, es war TLJ, wo die zwei "verbundenen" Orte eingeführt wurden, und ja, es ist eine coole Idee und macht visuell einiges her.)
Die Macht kann alles. Die Macht ist jetzt essentiell unbeschränkte Magie, und alle erzählerischen Probleme, die unbeschränkte Magie mit sich bringt, existieren jetzt im Star Wars-Universum. Vorbei die Zeit, wo Jedi zu sein bedeutete, daß man die im Geiste Schwachen manipulieren kann (außer Hutten und Toydarianern und... was auch immer grad benötigt wird...), Sachen (mühsam) telekinetisch bewegen, und das Lichtschwert toll schwingen kann - jetzt kann ein Jedi alles. Alles. Jedi sind Superman.
Selbst ein toter Jedi ist noch machtvoll. Yoda kann Blitze aus dem Himmel ziehen. Luke kann physikalische Objekte anfassen und X-Wings levitieren. (Schöner Callback auf TESB.) Obi-Wan seinerzeit konnte grad mal apparieren und reden, egal wie großspurig er noch gegenüber Vader behauptet hatte, wie mächtig er mit seinem Tod werden würde... na, jetzt können wir es uns vorstellen.
Es wäre weise gewesen, wenn die ST sich da etwas zurückgehalten hätte. Disneys großer "Kill" des alten EUs hätte die Chance geboten, im Hinblick eines andauernden Franchises Grenzen zu setzen und Regeln aufzustellen, aber nein, man hat das Gegenteil getan. Jetzt wird sich nicht nur bei zukünftigen Filmen die Frage stellen "wieso kann der Jedi nicht..., das war doch in TROS...", sondern dasselbe muß man sich auch über PT-Jedi fragen - oder müssen wir wirklich hinnehmen, daß Rey nach 25000 Jahren Jeditum ganz für sich ausbaldowert hat, wie man die Macht zur Supermacht mutiert?
Die ganz große Ironie kommt dann, wenn "das Holdo-Manöver" aus TLJ in TROS selbst als "once in a lifetime" bezeichnet wird. Mit anderen Worten, man ist sich der Problematik eigentlich bewußt? Oder hat man nur dem Fan-Backlash nachgegeben, ohne zu durchschauen, was die wirkliche Issue ist?
(Fortsetzung folgt)