Panzerfuchs hat geschrieben: ↑Fr 11. Mär 2022, 14:41
@Cairyn - Wahre Worte. Das ganze Theme finde ich auch nicht besonders ausgereift. Du hast da mit der Christlichen Lehre schon absolut recht. - Ich sehe da ganz persönlich auch das Problem mit diesem "Schwarz/Weiß - Böse/Gut"-Denken. Wenn es schon die beiden Seiten gibt, aber wieso dann immer nur so absolut. - Würde es nicht logischerweise bedeuten, wenn es 10.000 Jedi gibt, so dass die "helle Seite" sehr mächtig wäre, dass die "Macht" dann ein Gegengewicht erzeugen würde, quasi einen Sith der viel viel mächtiger wäre, als ein einzelner Jedi?
Witzigerweise sagt Obi-Wan in Ep3 ja "Only Sith deal in absolutes", während die Trennung zwischen Ashla und Bogan wohl so ziemlich das Absoluteste ist, was man sich vorstellen kann. Dito Yodas "ganz oder gar nicht"-Spruch "Do or do not; there is no try". Oder überhaupt das Konzept, daß man sofort zum Darksider wird, wenn man mal mit der Dunklen Seite in Berührung kommt.
Auf Rebelscum gab es zu dem Thema schon wiederholt Diskussionen - unter anderem mit der Behauptung, daß "Gleichgewicht" bedeute, daß die Jedi den Willen der Macht erfüllen und sonst nix. Und da die Jedi die Polizeitruppe der Republik darstellen und deren politischen Willen repräsentieren, statt sich auf die Macht zu konzentrieren, hätte die Macht selbst die Jedi ausgelöscht - die Dunkle Seite / die Sith dienen als Mittel zum Zweck. (Eine ziemlich gewagte These.)
Oder alternative Behauptung: Gleichgewicht bedeutet, daß keine Sith exisitieren / daß die Dunkle Seite keinen Einfluß auf die Galaxis hat. Das ist eine positivere Deutung, aber für meine Begriffe genau das Gegenteil von "Gleichgewicht".
Panzerfuchs hat geschrieben: ↑Fr 11. Mär 2022, 14:41
- Wobei dieses Konzept zwar in Episode VII und VIII so dargelegt wird, es aber dann überhaupt nicht in Episode IX passen würde? - Oder doch? Ist Kylo am Anfang von Episode IX schon auf dem Weg zur hellen Seite? Und braucht es dann als Gegengewichte eine zurückgekehrten Imperator?
Das Ende von TROS deutet an, daß "alle Sith" sich im Imperator verkörpern; auf die Republik zurückgedeutet hieße das, daß Palpatine sozusagen die Personifizierung der Dunklen Seite ist und tatsächlich alle Macht der DS besitzt. "Zurückgekehrt" ist er ja eigentlich nur aus Sicht der Neuen Republik; er saß seit Endor schon immer auf Exegol rum. Durch die Sith-Doktrin "rule of two" verkörpert Palps eine komplette Seite in dem Konflikt und kann nur durch "all the Jedi" besiegt werden, die sich dann wieder in Rey manifestieren.
Das ist irgendwie schon folgerichtig, aber: Was ist dann das "Gleichgewicht", von dem in der PT geschwafelt wird? Palpatine zu vernichten bedeutet dann ja, der Dunklen Seite ihren Fokus im Universum zu nehmen, und entsprechend müßten jetzt überall neue Sith entstehen, um Sheevs Platz einzunehmen. Oder gilt ab sofort kein Gleichgewicht mehr?
Dazu kommt noch Anakins oder Lukes Rolle als Auserwählter, und die Frage, ob die Midichlorianer Anakin erschaffen haben, oder Palpatine, oder Darth Plagueis...
Panzerfuchs hat geschrieben: ↑Fr 11. Mär 2022, 14:41
Ich bin da in der fernöstlichen Beziehung zwischen Jing und Jang nicht bewandert, aber wäre es nicht vielmehr auch möglich, dass man als Individuum nicht auch einen Ausgleich in sich selbst finden müsste, zur hellen Seite auch eine dunkel haben müsste bzw. umgekehrt? Ansonsten wären wir ja beim oben beschriebenen Problem. Zu viel Gutes würde zwangsläufig Böses erzeugen?
Yin und Yang sind ja keine Entsprechung für Gut und Böse, sondern genereller Ausdruck für die (vermeintliche) Dualität des Universums: im klassischen Sinn Weibliches und Männliches, aber man kann auch alle anderen Gegenpole nehmen. Das bekannte Symbol deutet an, daß beides miteinander existiert, ineinander greift und sich auch gegenseitig bedingt.
Das funktioniert leider für die Macht im Lucas'schen Sinne nicht; in der GFFA war die Dunkle Seite immer Synonym für das Böse, Schlechte, Negative; etwas, das nicht kooperativ oder gar harmonisch existieren kann und deshalb ausgemerzt werden muß.
Das ist eigentlich bedauerlich, denn wo das Böse (wie auch immer man das definiert) existiert, wird es in der klassischen Erzählung (Märchen, Legende, Heldenlied) besiegt, was dann das Ende der Story darstellt. Das ist von Lucas schon konsequent angelegt, denn in RotJ stirbt der Imperator, Vader wird bekehrt (stirbt auch, aber das ist unerheblich), die letzten Sith sind weg, die Helden triumphieren, die Story ist zuende. Die OT war nie dafür angelegt, jetzt noch groß in die Details zu gehen, was den Rest des Imperiums angeht; Lucas' PT spiegelt denn auch die OT mit dem komplementären Ausgang, in dem das Böse siegt. Es gab keine Fortsetzung nach RotJ. Lucas' ursprüngliche Ankündigung von neun Teilen hatte sich da schon längst in Luft aufgelöst; die vorhandenen Storybeats sind alle in RotJ eingeflossen (mehr oder minder glücklich, siehe Leia als Lukes Schwester).
Was dann auch hieß, daß OT und PT in sich geschlossen sind und keine Fortsetzung erlauben. Will man eine solche Saga dennoch fortsetzen, muß das eigentlich besiegte Böse erneut erstarken. Das passierte denn auch im alten EU mit Thrawn (Bücher) bzw. dem Klon des Imperators (Comics) bzw. der Ersten Ordnung und noch mal dem Klon des Imperators (ST). Erzählungstheoretisch ist das ein kritischer Punkt: Die Story war beendet; das Böse wieder auszugraben bedeutet, die Anstrengungen der vorigen Helden zu negieren, was dann wiederum den Leser enttäuscht und die "Kraft" der eigentlichen Erzählung mindert. Das war schon seinerzeit in Dark Empire ein Kritikpunkt, ebenso wie später in der ST.
Thrawn und andere Bücher konnten mit einem "neuen Bösen" punkten, was im Großen und Ganzen aber auch nicht ideal ist, weil "das Böse" damit nicht mehr konzentriert und personifiziert ist. Immer wieder einen Konflikt heraufzubeschwören (was für eine gute Story essentiell ist) bedeutet auch, daß der Vorrang der "Helden" und der "Schurken" stets wellenförmig schwankt; mal sind die einen obenauf, mal die anderen. Das entspricht dann mehr dem Fluß der Kräfte, also einem yin-yang-artigen Konzept, und nicht mehr der absoluten Gut/Böse-Story.
Wir sollten uns nichts vormachen: Lucas konnte den Erfolg und die Langlebigkeit von Star Wars in dieser Form nicht voraussehen und war nicht darauf vorbereitet, die Saga in alle Ewigkeit fortzusetzen. Die Story war angelegt, chronologisch mit RotJ zu enden. Um die GFFA wieder aufzugreifen und mit immer neuen Fortsetzungen zu bedenken, muß der Schwenk zwischen der absoluten Gut/Böse-Story hin zu einer Fluß-der-Kräfte-Story stattfinden. Der primäre Konflikt kann nicht länger der Widerstand gegen DAS BÖSE an sich sein, denn das dürfte dann ja niemals besiegt werden. Der Konflikt muß aus den Figuren heraus entstehen; das Kindermärchen muß zu einer mehr oder minder erwachsenen Geschichte werden.
Diese Chance hat Disney mit dem ST gründlich verpaßt. (Ich bezweifle auch, daß Disney überhaupt das Problem sieht, geschweige denn es lösen könnte.) Die ST hätte die Sicht auf die Macht und helle/dunkle Seite verändern müssen, so daß "die Sith" nicht mehr synonym für die dunkle Seite stehen, und die dunkle Seite nicht mehr synonym für das Böse. Das hätte dann auch der große Handlungsbogen für Luke Skywalker sein können: er erkennt die Probleme des Jedi-Ordens und seiner Ideologie und überwindet die Grenzen zwischen heller und dunkler Seite mittels seiner Erfahrung mit Vader, und läutet ein neues Zeitalter ein.
TFA hat sich dann aber als reines Remake herausgestellt - noch ein Imperium, noch ein Wüstenplanet, noch ein Todesstern, noch eine Rebellion, noch ein Abwehrkampf gegen einen Dunklen Lord, etc etc. Ich war dann eigentlich ganz angetan von den ersten Ausblicken auf TLJ, als das Artwork yin-yang-artige Symbole im alten Jedi-Tempel gezeigt hat, und Luke verkündete, daß die Jedi enden müßten - das ist eigentlich das, was die Saga an dieser Stelle gebraucht hätte. Aber dann sind alle Ansätze im Quark untergegangen und haben TLJ zu einem echt schlechten Film gemacht (in meiner Sicht noch schlechter, weil ich Großes erwartet hatte). Und TROS kam dann auch noch daher mit einem wiederauferstandenen Bösen und unterstrich den ganzen absoluten Konflikt - alle Jedi gegen alle Sith, egal ob unlogisch oder repetitiv, hauptsache Bombast. Urks.
In einer erneuerten Sicht hätten dann auch die Inquisitoren einen anderen Platz gefunden, vielleicht mit Konflikten beladen, die die Figuren zu echten Charakteren hätten machen können, so aber sind sie nur Handlanger, die den Weg für die nächste Obi-Wan/Vader-Konfrontation bereiten.
Disney stellt eben die falschen Fragen. Statt "wie können wir die GFFA erzähltechnisch zum Schauplatz vieler interessanter Geschichten machen" heißt es in der Chefetage wahrscheinlich "Lichtschwerter verkaufen sich wie geschnitten Brot, wie kriegen wir mehr Lichtschwertduelle nach Disney+?"